Offener Brief zur dringenden Notwendigkeit einer Katzenschutzverordnung im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt
Was wir hier beschreiben, sind keine Ausnahmefälle. Es sind nur einige wenige Beispiele aus einer Realität, die wir als Tierschützer täglich erleben.
Jeden einzelnen Tag erreichen uns Meldungen über Katzen in Not. Mindestens drei neue Stellen pro Tag, an denen wild geborene Kitten leben, sterben oder bereits verstorben sind. Orte, an denen Leben beginnt und viel zu oft viel zu früh endet.
Und doch heißt es weiterhin, es gebe keinen Handlungsbedarf.
Fall 1:
Marli und Karsti- ein Wurf, der nie hätte so leiden müssen
Ein Katzenwurf von 5 Kitten auf einem Pferdehof. Die Mutterkatze unkastriert, sich selbst überlassen. Die Kitten geboren in eine Welt ohne Schutz, ohne Kontrolle, ohne Zukunft.
Schon früh zeigt sich: Etwas stimmt nicht. Giardien. Schwerer Durchfall. Schwäche. Dehydration.
Drei der Kitten überleben, zeigen mildere Symptome. Zwei kämpfen um ihr Leben.
Karsti wird stationär in einer Tierarztpraxis aufgenommen. Infusionen. medizinische Versorgung. Hoffnung, die trotzdem nicht reicht. Karsti verstirbt allein in der Nacht in der Praxis.
Marli ist vorerst noch bei uns. Jeder Tag ist ein Kampf. Infusionen, Medikamente, Pflege rund um die Uhr. Die kleine Körperkraft reicht nicht aus. Trotz allem, was getan wurde, trotz Tierärzten, Medikamenten, trotz Liebe und Pflege, verschlechtert sich ihr Zustand dramatisch. Sie wird noch in der Nacht in eine Tierklinik gebracht. Dank Infusionen geht es ihr vorerst besser und sie kann wieder abgeholt werden. Augenscheinlich geht es ihr auch erstmal besser. Sie frisst, schnurrt und kuschelt, ist dankbar für die Liebe, die sie bekommt. Ihr Zustand ist weit entfernt von gut, aber es scheint aufwärts zu gehen. Plötzlich liegt sie am nächsten Morgen in einem desolaten Zustand in ihrer Quarantänebehausung, mehr tot als lebendig. Sofort geht es wieder zum Notdienst. Sie hat schon keine Reflexe mehr. Schließlich verstirbt sie beim Tierarzt auf dem Tisch.
Zurück bleiben Menschen, die alles gegeben haben und ein finanzieller Aufwand von rund 1000 Euro. Alles für umsonst. Aber vor allem bleiben zwei Leben, die nie eine echte Chance hatten.
Fall 2:
Kater Knicki aus Reschwitz- ein Leben im Vergessen
Ein Kater, dessen Besitzer längst nicht mehr da waren. Erst ins Pflegeheim gegangen, dann verstorben. Ein Haus verkauft, ein Tier vergessen.
Knicki bleibt zurück.
Unkastriert. Unversorgt. Allein.
Jahre draußen. Revierkämpfe. Verletzungen, die nie behandelt wurden. Ein Körper, der langsam zerfällt, während niemand hinsieht.
Als er schließlich gefunden wird, ist es zu spät: offene, eiternde Wunden, massiver Madenbefall, Dehydration, völlige Erschöpfung. Ein Tier, das nicht mehr lebt, sondern nur noch existiert.
Selbst der Tierarzt kann nichts mehr tun. Knicki muss erlöst werden.
Fall 3:
Beulwitz- wenn selbst die Straße kein Ende mehr ist
In Beulwitz leben zahlreiche unkastrierte Katzen. Immer wieder werden Kitten gefunden, gesichert, versorgt.
Ein weiteres Kitten verschwindet.
Später werden es zwei Körper sein, die am Straßenrand liegen: Mutter und Jungtier. Tot.
Vielleicht war es ein Unfall. Vielleicht eine verzweifelte Suche. Vielleicht beides.
Was bleibt, ist die Gewissheit: Dieses Leiden wäre vermeidbar gewesen.
Fall 4:
Schweinbach- ein System aus Überforderung
Ein Fall, der längst kein Einzelfall mehr ist.
Rund 70 Katzen nach Schätzung. Krank. Geschwächt. Inzucht. Unkontrollierte Vermehrung über Jahre.
Der Fall war bereits dem Veterinäramt aus früheren Zeiten bekannt. Nach einem Umzug der Halterin setzte sich das Geschehen fort.
Erst durch Nachbarn kommt Bewegung in die Situation.
Und doch bleibt das System überlastet. Hilfe ist kaum möglich. Nicht, weil niemand helfen will, sondern weil die Kapazitäten längst erschöpft sind.
Die offizielle Sicht und die Realität:
Im OTZ-Artikel vom 22. Mai wird das Veterinäramt des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt wie folgt zitiert:
„Die nötigen statistischen Erhebungen mit den tierärztlichen Beurteilungen über den Gesundheitszustand der eingefangenen Tiere, welche als eine Hauptvoraussetzung für den Erlass einer Verordnung nötig wären, wurden bislang nicht vorgelegt.“
Weiter heißt es: „Nach Angaben der Tierschutzvereine gibt es vereinzelt gewisse ‚Hotspots‘, wo es zu tierschutzrechtlichen bzw. gesundheitlichen Problemen bei freilebenden Katzen kommen soll.“ Laut der Behörde sehen auch die Kommunen keine Notwendigkeit zu handeln.
Diese Einschätzung steht aus unserer Sicht in einem deutlichen Widerspruch zu dem, was wir täglich erleben.
Denn wir sehen keine „vereinzelten Hotspots“. Wir sehen ein flächendeckendes Problem.
Die Realität vor Ort:
Wir erhalten täglich neue Meldungen. Jeden Tag mindestens drei neue Orte, an denen Katzen leiden, sich unkontrolliert vermehren und/oder bereits sterben.
Wir können nicht mehr jede Meldung vollständig aufnehmen oder bearbeiten. Nicht, weil wir nicht wollen, sondern weil wir längst an der Grenze des Machbaren arbeiten.
Tierschutzvereine, Pflegestellen und Tierärzte sind am Limit. Vieles läuft nur noch durch ehrenamtliche Arbeit in der Freizeit, während Familie, eigene Tiere und Hobbies auf der Strecke bleiben.
Und dennoch wird die gewünschte 'Dokumentation" faktisch auf genau diese Strukturen verlagert. Auf Vereine, die ohnehin bereits überlastet sind.
Statt selbst aktiv zu werden oder in gemeinsamer Hand- in- Hand- Arbeit zu agieren wird argumentiert, man könne die Situation nicht ausreichend überprüfen.
Doch dieses Argument greift zu kurz: Auch die Einhaltung der Chip- und Registrierungspflicht bei Hunden ist nicht vollständig kontrollierbar und dennoch existiert sie, weil sie notwendig ist.
Genauso verhält es sich hier.
Was wirklich passiert:
Wir müssen inzwischen entscheiden: Welches Tier kann überhaupt noch aufgenommen werden?
Welche hochträchtige Katze bekommt Hilfe? Welches schwer verletzte Tier kann versorgt werden? Und welches nicht mehr?
Diese Entscheidungen sind unmöglich und sie sollten niemals notwendig sein. Mittlerweile müssen wir auf verschiedene Tierheime und Tierschutzvereine in ganz Deutschland zurückgreifen.
Parallel dazu erreichen uns immer wieder Meldungen über herrenlose Hunde, nicht gechipte und registrierte Hunde.
Auch hier zeigt sich: Das Problem der fehlenden Kontrolle ist kein Argument gegen eine Pflicht, sondern ein Argument dafür.
Was andere Regionen längst umgesetzt haben:
In Thüringen gibt es bereits zahlreiche Kommunen mit Katzenschutzverordnungen oder entsprechenden Regelungen, unter anderem:
•Stadt Erfurt
•Stadt Gera
•Stadt Weimar
•Stadt Jena
•Saale-Holzland-Kreis
•Altenburger Land
•Teile des Landkreises Gotha
•Teile des Eichsfelds
•Teile des Landkreises Nordhausen
•Teile des Landkreises Sonneberg
Dort wurde erkannt: Prävention ist Tierschutz
Fazit:
Was fehlt, ist nicht die Erkenntnis, dass es Leid gibt.
Was fehlt, ist das konsequente Handeln.
Solange keine Katzenschutzverordnung existiert, werden diese Schicksale weiter passieren. Tag für Tag.
Was wir jetzt brauchen!
Wir appellieren an Politik, Landrat, Veterinäramt und Kommunen:
•Anerkennung der tatsächlichen Situation
•Einführung einer Katzenschutzverordnung
•Verpflichtende Kastration freilebender Katzen
•Konsequente Prävention statt reaktiver Einzelfallbearbeitung
Dringend gesucht!
Wir, der Tierschutzverein Saalfeld und Umgebung e.V. und der Tierschutzverein Rudolstadt und Umgebung e.V. suchen dringend:
•erfahrene, vorübergehende Pflegestellen
•Unterstützung für die Versorgung kranker und junger Tiere
•finanzielle Hilfe für tierärztliche Behandlungen
Schlusswort:
Es geht nicht um Zahlen in Statistiken.
Es geht um Leben.
Um Tiere, die keine Stimme haben und um Menschen, die längst über ihre Grenzen gehen.
