Leider schreibe ich das aus einem aktuellen sehr traurigen Fall. Gleich vorab – die kleine gezeigte Igelin hat die 1. Nacht bei mir in der Igelstation nicht überstanden. Aber warum – sie wurde doch schließlich sofort von der Finderin zu mir gebracht?
Die Frage lässt sich leider nicht in drei Worten erklären, aber ich hoffe, dass ich durch diesen Beitrag etwas zur Aufklärung beitragen kann.
* Ab November sollten Jungigel (das sind die Igel, die in diesem Jahr im August/September) geboren wurden, mindestens 600 g haben, um den Winterschlaf gut überstehen zu können. Wenn also ab Anfang November ein Igel gesehen wird, der unter 600 g wiegt, benötigt dieser Hilfe. Wartet nicht zu lange – das ist eines der größten Probleme. Es wird sich erst gemeldet, wenn der Igel taumelt oder umgefallen gefunden wird. Dann ist er aber meist schon in einer mehr als schlechten körperlichen Verfassung – er ist kurz vor dem Sterben.
Was ist dann also zu tun, wenn ihr einen solchen Igel seht oder vermutet, dass er zu leicht sein könnte?
Igel, die von Dezember bis Februar aktiv sind, brauchen in der Regel Hilfe. Dabei spielt weder das Gewicht noch die Tag-/Nachtaktivität oder ob es sich um einen Jung- oder Altigel handelt eine Rolle. Gesunde Igel würden sich im Winterschlaf befinden!
->Igel sichern
Igel sind schneller, als man vermutet und haben sie sich wieder versteckt, findet man sie meist nicht mehr. Deshalb als erstes einfangen (gut geht es mit einem Handtuch und die stachelsicheren Handschuhe nicht vergessen). Waage parat halten und ihn wiegen, denn das muss man meist wissen. Wiegt er ab Anfang November unter 600 g, dann ihn mit rein ins Warme (18-20° Grad) nehmen. Ein Pappkarton (mind. 35 cm hoch, denn sie sind Ausbruchskünstler) und ein Kuschelhandtuch in den Karton hineingeben.
-> Igel nicht füttern
Bitte NICHTS füttern. Igel sind Insektenfresser und brauchen deshalb ein sehr hochwertiges Futter. Die meisten Katzenfuttersorten enthalten viel zu wenig Fleisch und verursachen deshalb große Darmprobleme. Hinzu kommt, dass wenn ein ausgekühlter und ausgehungerter Igel gefüttert wird, der Kreislauf kollabieren kann. Deshalb nur Wasser hineinstellen, aber KEIN Futter.
Ein unterkühlter Igel, der in die Wärme gebracht wird, wird erst einmal agiler und erweckt den Eindruck, dass es ihm besser geht – das täuscht. Er wird fressen, egal, was ihm hingestellt wird – also auch Dinge, die er gar nicht verträgt. Hinzu kommt, dass die jetzt gefundenen Igel durch falsche Nahrungswahl (es gibt einfach zu dieser Jahreszeit nicht mehr die benötigten Insekten) oftmals Parasiten haben, die sich bei Wärme dann explosionsartig im Igel vermehren. Ihm geht es also manchmal vermeintlich ein paar Tage sehr gut und plötzlich kippt das aber und der Igel verstirbt in kurzer Zeit. Deshalb bitte keine Eigenversuche. Nach Möglichkeit geben wir den Igel, sobald er stabil ist, auch an sich gerne kümmernde Finder gerne zurück.
->Hilfe suchen
Die Tierschutzvereine in der Umgebung haben alle meine Nummer und können mich kontaktieren, wenn Ihnen ein Igel gemeldet wird, bitte dort anrufen! Diese geben mir dann die Information weiter und ich melde mich kurzfristig.
Bitte den Igel nicht zu einem Tierarzt bringen. Die meisten Tierärzte kennen sich mit Igeln nicht aus. Er ist in einer Igelstation besser aufgehoben. Sollte ein Tierarztbesuch nötig sein, haben wir eine igelkundige Tierärztin, zu der er dann gebracht wird.
Noch eine Bitte in eigener Sache. Bringt den Igel bitte dann auch zu mir nach Saalfeld. Könnt ihr selbst nicht fahren, organisiert bitte einen Fahrer in eurem Bekanntenkreis. Ich kümmere mich - wie die Meisten im Tierschutz - ehrenamtlich um die Igel und meist bin ich an der Kapazitätsgrenze. Die Zeit zum Abholen fehlt mir einfach.
In den Fotos seht ihr einen Vergleich von fast gleich alten Jungigeln. Der linke Igel ist aus meiner Igelstation mit fast 600 g. Die Körperproportionen sind schön – wie eine Avocado. Er kann dann nächste Woche in eine Außengehege zum Winterschlaf. Rechts seht ihr die kleine Igelin (Gewicht: 275 g), die es nicht geschafft hat. Der Körper sieht eher wurstförmig aus, das Stachelkleid wirkt wie einfach zu groß und sie sieht „beuliger“ aus. Auf dem Einzelbild sieht man den sogenannten Hungerknick – eine Falte hinter dem Kopf. Normal wäre ein gerade Übergang zum Rücken – hier sieht man den Knick, in dem normalerweise das Fett für den Winterschlaft eingelagert wäre. Fehlt die Nahrung wird auf diese spezielle Rücklage zugegriffen und verbraucht … den Winterschlaf hätte sie so nie geschafft.
Eure Igelmama Susen
